Aus dem Mauer-Roman

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»Ihr denkt doch alle nur in verhurten Klischees!« schimpfte Doc Wolgast verärgert. »Ich bin bestimmt kein Linker, aber der Mist, den ihr verdammten Journalisten in den vergangenen vierzig Jahren verzapft habt, ist mit daran Schuld, dass kein Mensch mehr vernünftig über Deutschland reden kann!«

»Stimmt«, nickte Petersen, »aber stimmt nicht, wenn du Al Bundy meinst …«

Er nahm sein Wodkaglas vorsichtig an die Lippen und trank es dann mit winzigkleinen Schlucken aus. »Du irrst dich bei Alfred! Der war ein ausgekochter CIA-Profi. Und bis zu seinem Tod hat er nicht einen Tag an die kommunistische Gefahr geglaubt. Weil er bei seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg gesehen hat, wie die Russenpanzer aussehen. Schrottreife Panzer, die er für Washington zu wilden Kampfmaschinen hochgejubelt hat. Das war schließlich sein Job …«

»Na bitte! Warum dann nicht den Versuch wagen und ein starkes, aber neutrales Deutschland mitten in Europa aufbauen?«

»Bewaffnet?«

»Vielleicht nur symbolisch.«

»Dann kannst du diese Illusion sofort vergessen. Das funktioniert nie im Leben!«

»In Österreich war es möglich.«

»Die bauen ja auch keine Volkswagen, Leoparde und Werkzeugmaschinen wie wir …«

»Also doch nur die Angst der Nachbarn vor einem größeren Deutschland!«

»Würdest du uns denn trauen?« fragte der Journalist. Er bekam einen Schluckauf. »Nicht einmal wir würden unseren Vopo-Sachsen die Hand reichen … diesen grimmig entschlossenen SED-Mitgliedern …«

»Und die uns auch nicht!« lachte Mischa trocken.

»Wenn ich ein Sachse wäre … «, sagte Jo Petersen mühsam, »wenn ich ein Sachse wäre, würde ich alles Menschenmögliche unternehmen, damit diese … hip … Scheiß-Westdeutschen nicht eines Tages vor meiner Haustür stehen … alles mies machen … mich für die vierzig Jahre Knochenarbeit auslachen … Kommunist zu mir sagen … und dann … hip … das beste Land wegkaufen!«

Er hielt die Luft an, doch seinen Schluckauf konnte er damit nicht unterdrücken.

»Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht«, sagte Mischa.

»Siebzehn Millionen Neger in einem … hip … wiedervereinigten Deutschland!«, tönte der Journalist. »Manche würden sich sehr schnell einordnen. Verdammt schnell sogar. Aber die … hip … Sachsen, die würden noch Jahrzehnte das Kainsmal tragen! Den Dialekt kriegst du nie weg …«

»Trotzdem kann das geteilte Deutschland kein Dauerzustand sein!« murmelte Mischa kopfschüttelnd.

»Wieso denn nicht? Im Prinzip funktioniert es doch!«

»Da bin ich nicht so sicher!« sagte Wolgast. »Manchmal liegen Veränderungen einfach in der Luft! Ohne große politische Planung, Jo … Da muss plötzlich eine Bereitschaft entstanden sein … ein neues Klima … entweder Traum oder Gefahr!«

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(“Der Tag, an dem die Mauer brach”, Polit-Thriller von 1985)

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